Iolanta
Oper von Pjotr Iljitsch Tschaikowski nach einem Libretto von Modest Tschaikowski nach dem Schauspiel König Renés Tochter von Henrik Hertz
Anhaltisches Theater Dessau
Premiere 30.10.2021, Laufzeit bis Ende 21/22
Musikalische Leitung: Markus L.Frank
Regie: Michael Schachermaier
Bühne: Jessica Rockstroh
Kostüme: Alexander Djurkov Hotter
Puppenbau und Puppenspiel: Kerstin Dathe
Mit: Don Lee, Costa Latsos, Dimitry Lavrov, Ulf Paulsen, David Ameln, Iordanka Derilova, Rita Kapfhammer, u.a.
Aktuelle Vorstellungen: In russischer Sprache mit deutschen Übertiteln
18.März 2022 um 19.30
10.April 2022 um 17.00
Tschaikowskis letzte Oper Iolanta ist ein Meisterwerk. Sie entstand in zu der Zeit, als er auch an der Symphonie Patétique arbeitete – und das hört man der unheimlich ausdrucksstarken und reich instrumentierten Partitur auch an. Die Oper hat dramatische Höhepunkte und viele Arien und Ensembles voller wunderbarer Tschaikowski-Melodien. Und nicht zuletzt: Sie führt eine ergreifende Handlung zu einem großen Happy End.
Tschaikowski entrollt in einem Märchenland mit Königen, Prinzessinnen und Rittern nach einem im 19. Jahrhundert populären Theaterstück die Geschichte einer jungen, blinden Frau, die die erste große Liebe spürt und sich von ihrem Vater, dem König, löst. Dieser hat seine Tochter von der Außenwelt abgeschlossen, ja, die Prinzessin weiß nicht einmal, dass die anderen Menschen sehen können. Er befürchtet, dass er keinen Erben für sein Reich finden wird, wenn bekannt wird, dass es gilt, eine Blinde zur Frau zu nehmen. Ein junger Ritter dringt in das verbotene Schloss ein und findet die schlafende Prinzessin vor. Er verliebt sich unsterblich und wirbt um sie. Natürlich erfährt die junge Frau so, dass es noch eine andere Welt als ihre gibt und wird neugierig. Doch als ihr Vater von dem Eindringling erfährt, droht er alle Hoffnung des Paars zu zerstören. Ein Freund des Ritters und ein weiser Arzt können jetzt helfen.
„Studie über Empathie: Tschaikowskis „Iolanta“ in Dessau
Der Applaus klingt im Anhaltischen Theater oft so groß wie die dort gespielten Opern – sogar wenn der Zuschauerraum wie derzeit wegen Hygienekonzept nicht ganz voll ist. (…) Michael Schachermaier erzählt mit seiner Regie geradlinig. Er konstruiert keine verwirrenden Symbolismen und hat den Mut zum ungekünstelten, nicht aufgesetzt wirkenden Happyend. Damit bewältigt Schachermaier Tschaikowskis letzte und fürwahr nicht einfache, weil erlesen pseudonaive Oper auf einer angenehmen Ebene zwischen belassener Rätselhaftigkeit und gemächlicher Aktualisierung. In „Iolanta“ wird nicht um Selbstbestimmung oder Vergnügen gekämpft wie in Ibsens „Nora“, dafür aber mit sanfter bis extrovertierter Melancholie zur von schönen Instrumentalsoli durchsetzten Musik tief empfunden.(…) Die Unbedingtheit von Hoffnung und sanften Zweifeln sowie Tschaikowskis überaus schöne Partitur machen „Iolanta“ im Pandemie-Jahr zu einem Trostpflaster aus musikalischem Glanz und szenischer Wehmut.
Vollständige Besprechung unter: https://www.nmz.de/online/studie-ueber-empathie-tschaikowskis-iolanta-in-dessau , Stand 9.11.2021“
„Tschaikowskys „Iolanta“ ist eine Geschichte von Licht und Dunkelheit, von Verdunklung und Erleuchtung. Das Anhaltische Theater in Dessau konzentriert sich in seiner neuen Produktion – sie feierte am 30. Oktober 2021 Premiere – in wenngleich neuer Deutungsart auf den fantastischen Charakter des Spätwerks des russischen Komponisten und schafft so den perfekten Eskapismus im zweiten Pandemiewinter. Zu Beginn scheinen sie gar kein Ende nehmen zu wollen: Die grauen, trostlosen Klinikwände. Die Fenster sind groß, doch Licht fällt nicht in diese Welt. Regisseur Michael Schachermeier (sic!) verlegt seine „Iolanta“ aus dem französischen Mittelalter in ein modernes Krankenhaus. Erzählt wird Tschaikowskys Oper durch die sehenden Augen einer älteren Iolanta (Ks. Iordanka Derilova), die auf ihre Kindheit und die Wunderheilung zurückblickt. In der Rückschau betritt die junge Iolanta (Josephine Nahrstedt) voller Angst die Klinik. Ihre neue Umgebung ist kalt und farblos. Das blinde Mädchen ist verwirrt und voller Furcht. Ihre Spielzeuge sind ihr einziger Trost.
(...)
In Schachermeiers Inszenierung entschwindet die junge Iolanta aus Angst vor der anstehenden Operation im nächtlichen Traum dem trostlosen Klinikzimmer. Sie taucht ein in eine bunte „Alice im Wunderland“-hafte Welt, in der Tiere sprechen können und Spielzeuge zum Leben erweckt werden. Damit gelingt dem Regisseur nicht zuletzt eine Anspielung auf Tschaikowskys Ballett „Der Nussknacker“, der gemeinsam mit dem Einakter „Iolanta“ im Jahr 1892 im Mariinsky-Theater Premiere feierte. Im Traum findet sich das junge Mädchen wieder in einem Paradiesgarten voller übermenschlich großer Rosen. Dort trifft sie auf fliegende Nonnen, einen sprechenden Hund, einen erzählenden Vogel und schließlich auf ihre Menschen gewordenen Spielzeuge. So sind in dieser ebenso poetischen wie fantastischen Inszenierung der Herzog von Brabant ein Zinnsoldat und Graf Vaudémont ein Astronaut. Märchenhaft begeben sie sich gemeinsam auf die Reise der Sehendwerdung der Iolanta. Der Höhepunkt dabei: Das Liebesduett von Iolanta und Vaudémont (Costa Latsos). Passend zum unterschwelligen kindlich-eleganten Charme der Inszenierung ist das Bühnenbild von Jessica Rockstroh klar und dezent aber mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Die mal naturalistisch, mal märchenhaft gehaltenen Kostüme (Alexander Djurkov Hotter) bilden einen fantasievollen Farbtupfer in der bisher sehr grauen Welt der Iolanta.
Auch waren es die doppelten Iolantas, die an diesem Nachmittag in Dessau gesanglich und schauspielerisch besonders hervorstachen. Von Zartheit und Naivität bis hin zu Melancholie und Verzweiflung: Ks. Iordanka Derilova zeigte mit ihrem klaren und einfühlsamen Sopran die gesamte emotionale Bandbreite ihrer Rolle. In ständiger Interaktion ist sie mit ihrem (stummen) jüngeren Ebenbild, ausdrucksstark verkörpert durch die Schauspielerin Josephine Nahrstedt. Costa Latsos gestaltete einen gesanglich kraftvollen und schauspielerisch empathischen Vaudémont, der besonders in den Duetten auftrumpfte und feine schauspielerische Momente zeigte. Mal verzweifelt, mal einfühlsam, aber immer solide formte der Bass Don Lee seine Rolle als König René. Ulf Paulsen als Ibn-Hakia und Dmitry Lavrov als Herzog von Burgund rundeten die großartigen Leistungen des Ensembles des Anhaltischen Theaters Dessau ab.
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Eineinhalb Stunden lang ist „Iolanta“ die Reise aus der Dunkelheit zum Licht: Am Ende des Stückes wird die junge Prinzessin nicht nur sehend, sondern auch sich ihrer selbst bewusst. Und so öffnen sich zum Abschluss der Inszenierung die zuvor fast gefängnishaft wirkenden Fenster und warmes Licht durchflutet die Bühne und strömt in den Zuschauerraum. Ein – für Tschaikowsky völlig ungewohntes – glückliches Ende, das Hoffnung gibt in einer schwierigen Zeit.“
© Claudia Heysel
Mitteldeutsche Zeitung, 10.11.2021
© Claudia Heysel
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