Amadeus

von Peter Shaffer

Saarländisches Staatstheater Saarbrücken

Premiere: 7. Februar 2020, Wiederaufnahme am 14. April 2021

Regie: Michael Schachermaier

Bühne: Karl Fehringer und Judith Leikauf

Kostüme: Alexander Djurkov Hotter

Musikalische Leitung: Jan Dvořák, Thomas Leboeg

Dramaturgie: Simone Kranz

Livemusik: Martti Winkler, Rick-Henry Ginkel, Jasmin Hubert

Mit: Bernd Geiling, Raimund Widra, Laura Trapp, Michael Wischnowski, Gregor Trakis, Silvio Kretschmer, Bettina Bauer, Jan Hutter

Peter Shaffers effektvolles Bilderbogen-Stück, das Vorlage für den oscarverwöhnte Film "Amadeus" war, erzählt von Antonio Salieri, der in Wien als gefeierter Opernkomponist verehrt wird - bis der junge Mozart auftaucht, - dessen Genie eine vitale Bedrohung für den etablierten Komponisten bedeutet.

Salieri ist der einzige, der Mozarts überirdisches Talent erkennt. Er begreift, dass alles, was er selbst mit äußerster Kunstfertigkeit zu komponieren vermag, nichts ist gemessen an den Himmelsmelodien, die Mozart in unerschöpflichem Leichtsinn bloß so aufs Papier fetzt - und ihm, dem frommen Asketen, erscheint das als unerträgliche Ungerechtigkeit Gottes. So macht er sich auf, Mozart zu vernichten, um Gott selbst und dessen Weltordnung ins finstere Herz zu treffen. Ein Theaterstück mit vielen Aspekten, darunter die Betrachtung der eigenen Mittelmässigkeit als Künstler und als Mensch.

© Sebastian Stefan Golser

© Sebastian Stefan Golser

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Zirkelschluss: Knapp drei Stunden später erteilt er dem Volk, das ihm applaudiert hat, die Absolution für dessen Mittelmäßigkeit – und damit gewissermaßen auch sich selbst. Dazwischen liegt eine Rückblende, in der Salieri die Ereignisse vor 34 Jahren aus seiner wahrnehmungsverzerrten Erinnerung schildert, und man begreift, warum er neidzerfressen einen Vernichtungsfeldzug gegen das Wunderkind Mozart startete: Musikalisch kam er gegen dessen Genie nicht an; um der Nachwelt überhaupt in Erinnerung zu bleiben und im gleichen Atemzug genannt zu werden, musste er als sein Mörder in die Geschichte eingehen. Womit Salieri sich zugleich an Gott rächte, von dem er sich geprellt fühlte. Welch ein Stoff!

Ob Salieri seinen Widersacher tatsächlich getötet oder „nur“ mit Ränke vergiftet hat, ist nebensächlich. Wesentlich ist die Schmach, die Mozart dem sechs Jahre Älteren unbewusst zufügte. Und aus der ein in seiner Zwiespältigkeit monströser, weil von Bewunderung getränkter Hass erwuchs, den Mozart in seiner Naivität jedoch nicht realisierte und ihm daher hilflos ausgeliefert war. So behauptet es jedenfalls Peter Shaffers Theaterstück „Amadeus“, das die Konkurrenz der beiden Komponisten zur spannenden existenziellen Fehde aufbauscht. Mit der Verfilmung landete Milos Forman 1984 einen Kino-Erfolg; am Freitag feierte das Schauspiel mit Musik nun im Saarländischen Staatstheater Premiere: ein Volltreffer, bei dem es die Zuschauer vor Begeisterung von den Sitzen riss. Regisseur Michael Schachermaier inszeniert die Geschichte von Mozarts Vernichtung als Komödie von boulevardesker Spritzigkeit, die allerdings auch dem Tragischen Raum lässt, ohne es zu denunzieren. Gezielt setzt er intime, eindringliche Szenen gegen Burleskes; die Pause markiert eine deutliche Zäsur: Der Ton kippt nach Moll, als der Tod Mozarts, der dank Salieris Intrigen am Wiener Hof keinen Boden unter die Füße kriegt, näher rückt. Er stirbt einsam und krank, arm und elend – das gerät durchaus ergreifend.

Schachermaier platziert das Geschehen auf einer Drehbühne (Kulissen: Karl Fehringer, Judith Leikauf), die sowohl den filigranen Spieluhr-Charakter von Mozarts Musik verdeutlicht wie den Schwindel, der Salieri (Bernd Geiling) angesichts dessen Talents erfasst. Kahle Gerüst-Bauten markieren Aufstiegswillen und zeugen zugleich von der verknöcherten Starre am Hofe Josephs II (Gregor Trakis gibt ihn als weichen, überforderten Kaiser). Sie kollidieren mit einer im Pappmaché-Stuck geradezu libidinös schwellenden Lust, mit der Mozart (Raimund Widra) den Hof aufmischt. Denn was ist das für ein Genie: Ein obszön daher plappernder, albern kichernder Kindmann, der mit unanständig graziösem Tänzeln ungeniert von einem Fettnäpfchen ins nächste hüpft und hemmungslos seine animalischen Triebe auslebt. Auch seine Strubbelfrisur und seine legere, vergleichsweise schlichte Kleidung sind ein Affront gegenüber dem opulenten und zugleich nach Mottenkugeln riechenden, welken, überschminkten und auftoupierten Shabby Shic der Rokoko-Etikette (Kostüme: Alexander Djurkov Hotter), mit der sich die Hofschranzen maskieren – Silvio Kretschmer, Ali Berber und Michael Wischniowski brillieren zugleich als „Venticelli“, Salieris Handlanger und Gerüchtestreuer.

Und dennoch düpiert dieses infantile „Geschöpf“ den ehrgeizigen Hofkompositeur Salieri auf allen Ebenen: als Musiker, als Sprachtalent, als Mann. Widra spielt das mit solcher Leichtigkeit, dass man Salieris angeekelte Faszination und Verzweiflung bestens nachvollziehen kann, die Geiling wiederum in allen Facetten intensiv durchlebt. Doch was wäre ein solches Stück ohne Live-Musik? Als organisches Kammertrio interpretieren Rick-Henry Ginkel (Flügel, Celesta), Lorenz Blaumer (Geige, Elektronik) und Jasmin Hubert (Cello) mozärtliche Themen in einer Bearbeitung von Thomas Leboeg und Jan Dvořák. Und Sopranistin Lisa Bebelaar, ebenfalls von der Hochschule für Musik Saar, koloriert als Salieris Meisterschülerin Katharina Cavalieri eine blitzsaubere Königin der Nacht. Bravo!
— Saarbrücker Zeitung, Kerstin Kramer, 9.2.

Grandioser Machtkampf zwischen Mozart und Salieri – “Amadeus” am Saarländischen Staatstheater
Michael Schachermaiers Inszenierung von Peter Shaffers “Amadeus” frenetisch gefeiert.
Am Ende stehende Ovationen. Nach 140 Minuten zahlt das Publikum im Großen Haus des Saarländischen Staatstheaters mit großem Enthusiasmus dem „Amadeus“-Ensemble mit gleicher Münze zurück: überbordender, nicht enden wollender Beifall, der vor allen Dingen zwei herausragenden Leistungen galt: Raimund Widras temperamentvoller Interpretation der Titelfigur und Bernd Geilings abgezirkeltem, berechnendem Spiel des Kontrahenten Salieri. Zwei wie Feuer und Wasser: der buchstäblich überschäumende Mozart, dessen musikalische Geniestreiche abprallen an dem heimtückischen Gegenspiel des künstlerisch maximal durchschnittlich begabten, dafür aber umso raffinierterem Möchte-Gern-Komponisten Salieri. Er läßt Mozart immer wieder vor die Wand laufen, ohne dass dieser das Ränkespiel Salieris auch nur im Einsatz durchschaut. Aus dem Tausendsassa, Charmebolzen und Frauenheld Amadeus, der beim sprühenden Liebesspiel auch schon mal die Hosen herunterlässt, wird mit zunehmender Spieldauer der verkannte, verarmte, verstoßene Musikus, der am Ende sein eigenes „Requiem“ komponiert. Daneben der unaufhaltsame Aufstieg Salieris, vom Kostümbildner Alexander Djurkov Hotter mit Leopardenfällen als Insignien der Macht „geadelt“: ein Strippenzieher, Machtmensch, Selbstinszenierer, der um das rechte Licht weiß, in das man sich zu setzen hat und der folgerichtig in Michael Schachermaiers kluger Inszenierung auch als Moderator des Abends auftreten darf.

Schachermaier zeichnet zunächst ein anfängliches Sittengemälde mit ausladend-prächtigen Rokoko-Kostümen um einen nicht minder aufgeblasenen Hofstaat Joseph II., Kaisers von Österreich (Gregor Trakis), mit dem einfältigen Personal um den Nationaloper-Direktor Graf Franz Orsini-Rosenberg (Ali Berber) und dem Nationalbibliotheks-Direktor Baron von Swieten (Michael Wischniowski). Sie machen sich über Mozarts Kompositionen „lustig“, die unterdessen – eingespielt von dem überragenden Trio um Jasmin Hubert (Cello), Lorenz Blaumer (Geige, Elektronik) und Rick-Henry Ginkel (Flügel, Celesta) – den Bühnenabend mit ihren Zitaten etwa aus der „Kleinen Nachtmusik“, aus „Figaros Hochzeit“ auch zum musikalischen Ereignis werden lassen. Nach der Pause verdichtet Schachermaier das Spektakel zum ebenso atemraubenden wie mitreißenden Zweikampf zwischen Mozart und Salieri. Tragik für den vom Leben schwer gezeichneten Mozart auf dem Sterbebett, das er von seinem bis heute ungebrochenen Weltruhm nichts mehr mitbekommen hat. Eines bleibt aber auch von Schachermaiers Inszenierung im Saarländischen Staatstheater, nämlich der Tipp, diesen Abend auf keinen Fall zu versäumen!
— Opus Kulturmagazin, Burkhard Jellonnek, 11.2.
Wenn die Geschichte sich von einer pompösen schrillen Satire zu einem tiefgründigen inneren Kampf Salieris gegen seinen Gegenspieler entwickelt, dann entsteht eine großartige Inszenierung auf der Bühne, die am Ende das Publikum von den Sitzen reißt.
— SR Kultur, Chris Ignatzi, 9.2.