Broadway Danny Rose

Nach einem Film von Woody Allen

Saarländisches Staatstheater Saarbrücken

Premiere 14.1.2023

Regie: Michael Schachermaier

Bühne: Paul Lerchbaumer

Kostüme: Alexander Hotter

Choreo: Selly Meier

Dramaturgie: Simone Kranz

Mit: Raimund Widra, Jan Hutter, Bernd Geiling, Gregor Trakis u.a.

Saarbrücker Zeitung, 14.1.

Das Leben neben der Showtreppe

Die Premiere von „Broadway Danny Rose“ am Saarländischen Staatstheater bot einen wonnigen, bunten Abend mit viel Jux, viel Musik – und einer Zwangspause wegen eines Technik-Problems. Diewurde aber famos überbrückt.

So ein Pech – und das ausgerechnet bei der Premiere. In der zweiten Halbzeit von „Broadway Danny Rose“ tritt Schauspieldirektorin Bettina Bruinier vors Publikum, um es „um Geduld und Güte“ zu bitten. Denn die Bühnentechnik im Großen Haus will am Samstagabend gerade nicht so, wie sie soll. Kurze Wartepause also, die die Musiker des Abends nach einem potenziell bedrohlichen Ruf aus dem Publikum – „Ihr spielt. Oder wir singen“ – mit lässig hinswingendem Jazz überbrücken. Unter großem Jubel. Doch die Technik swingt danach immer noch nicht, und so schickt Intendant Bodo Busse das Publikum ins Foyer zu tröstenden Freigetränken.

Eine Viertelstunde später geht es weiter, und das Technik-Malheur an der Achsenmaschinerie unter der Bühne tut diesem bunten, wonnigen Abend keinen Abbruch, sondern macht ihn eher zum Unikat. Und es passt irgendwie zu diesem Stück, geht es doch auch um Bühnenkunst (im weitesten Sinne) und darum, was alles schief gehen kann – auf der Bühne wie im Leben.

Die Titelfigur „Danny Rose ist ein Künstleragent im fiebrigen New York, für ihn „die Schilddrüse der Nation“. Seine Kunden dilettieren am Talent- und Existenzminimum entlang – darunter ein einbeiniger Stepptänzer, ein Bauchredner, der, wie es heißt, sogar von Fünfjährigen ausgebuht wird, und ein Luftballonkünstler, über dessen Kreationen man nur spekulieren kann – ist das nun ein Oktopus oder doch ein Truthahn?

Zumindest einem Pferd im Stall von Danny Rose (saftiges Firmencredo „Star – Smile – Strong“) gelingt dann doch künstlerisch ein Trab, wenn schon kein Galopp: Lou Canova, einem doppelkinnigen Sangeskünstler, optisch irgendwo zwischen Dean Martin und Oliver Hardy, dem Beleibten aus „Dick und Doof“. Canovas in die Jahre gekommene Schnulzenkunst erlebt wegen eines Nostalgiebooms einen leichten Aufschwung. Immerhin.

Danny Rose wähnt sich nun auf der Siegerstraße, vielleicht zum ersten Mal seit seiner Geburt. Doch ein Hindernis gibt es noch: Er muss Canovas Geliebte Tina Vitale überzeugen, bei einem wichtigen Auftritt dabei zu sein – denn nur durch ihre Anwesenheit, so schätzt der Schnulzier, kann seine Gesangeskunst zur höchsten Blüte reifen. Dass seine Frau (Christiane Motter, in mehreren Rollen zu sehen) und sein Kind zuhause sitzen, stört ihn nicht beim Trällern von „That’s Amore“.

Doch Tinas Interesse ist begrenzt, trotz des endlosen Bettelns von Danny Rose, für den seine Arbeit plötzlich und unerwartet lebensbedrohlich wird. Für Tina war einst ein Mafioso entbrannt, der sich nun verschmäht fühlt und Danny für den Konkurrenten hält. Unversehens steht der Künstlervermittler auf der Abschussliste eines Familienverbandes, deren dominierende „Maaama“ (Gabi Pochert) ihm ebenso beherzt an den Po greift wie später zur Maschinenpistole.

Woody Allen schrieb und inszenierte 1984 den Kinofilm „Broadway Danny Rose“, mit sich in der Titelrolle und in Schwarzweiß. Knallbunt ist Michael Schachermaiers Inszenierung der Adaption – mit viel Bewegung, Jux, Musik (Leitung: Achim Schneider) und Lust am Spiel von plastischen, tragikomischen Figuren. Raimund Widra als Danny Rose ist immer in Bewegung, wieselig und zappelig, ein Stehaufmännchen, das trotz aller Rückschläge überzeugt ist, dass der nächste potenzielle Star nur auf ihn wartet. Dass er angesichts des Dauerversagens nicht ganz abgestumpft ist, macht ihn grundsympathisch, aber eben auch anfällig für die Tücken des Lebens und der Menschen. „Das ist dein Problem“, muss er er sich einmal anhören, „du nimmst die Dinge zu persönlich“.

Es ist ein Vergnügen, Widra zuzuschauen, wie dem gesamten Ensemble. Ob nun Jan Hutter mit anbetonierten Hamsterbacken als Canova bei seinen mal schmalztriefigen, mal flotten Gesangs- und Tanzeinlagen (Choreografie: Selly Meier); oder auch Verena Maria Bauer als ehemaliges Mafiosa-Liebchen mit einem gewissen Lebens-Pragmatismus, den man auch -Opportunismus nennen könnte. Gleich mehrere Rollen spielen (und tanzen) Bernd Geiling und Thorsten Köhler: Geiling einen gealterten Komiker, einen Mafioso namens Rocco mit Pferderschwanzfrisur und Schlechte-Laune-Mundwinkeln, die er fast runter zum Schlüsselbein zieht; die vielleicht skurrilste Figur des Abends ist jener talentfreie Bauchredner, der einem fast so leid tun könnte wie die Kinder, deren Geburtstagsfeiern er mit seiner dezent gruseligen Puppe unweigerlich verdirbt.

Thorsten Köhler gibt, mit verschiedenen Haarteilen, einen wunderbar liebedienerischen Conférencier, den liebeskranken Mafioso und auch noch einen gut gescheitelten Schauspieler aus dem Werbefernsehen im Superheldenkostüm, der mit – Hut ab – einem beherzten Sprung aus dem Fenster die Szenerie hinter sich lässt.

Angelegt ist das Stück als große Rückblende, als Erinnerung an Danny Rose, was dem Ganzen trotz allen Juxes einen Hauch Melancholie mitgibt. Gregor Trakis, dessen Anzug das hübsch-hässlichste Textil des Abends ist (Kostümbildner Alexander Djurkov Hotter zelebriert die 1980er), ist der Erzähler, führt in Szenen ein, ist selbst auch Teil der Erinnerungen – und singt und tanzt in einer schönen Trio-Nummer mit Köhler und Geiling.

Eine flotte Farce über das Showgeschäft ist das, über unkaputtbare Hoffnungen, ohne dass zu sehr der Tiefsinn bemüht würde; es geht um Lust am Erzählen, um Bühnenspaß, manchmal auch um verbale oder optische Kalauer, wenn Rose etwa eine mäßig musikalische Kundin nicht nur als „Lang Lang“ anpreist, sondern vielleicht sogar als „Länger Länger“; oder wenn die Theke eines Lokals (Bühne: Paul Lerchbaumer) zu einem Schiff mutiert, mit dem Rose vor der Mafiafamilie flieht; die böse Mama verfolgt ihn ihrerseits mit einem symbolischen Mini-Schiff unter dem Arm.

Eine Szene, in der sich die aneinander gefesselten Danny und Tina von den engen Stricken ihrer Häscher mit viel Beckenbewegung und Geächze befreien, wird auf eine komische Weise ins Sexuelle gerückt – postkoitale Zigaretten inklusive. Die Inszenierung hat ihren Spaß auch gerne beim weniger Subtilen.

Natürlich, eine große Showtreppe darf nicht fehlen, denn zumindest einer der glücklosen Künstler hat es dann doch noch geschafft (und lässt Danny Rose sofort fallen). Dann bringt Schachermaier noch eine knallige Thanksgiving-Parade auf die Bühne; hier kann sich dann doch, nach so viel Tempo, so viel Glitzer, ein Eindruck des „Zu viel des Guten“ einstellen, eine leichte Ermüdung.

Doch die verfliegt in einem ruhigen, wunderbar anrührenden Finale abseits der Showtreppe in Roses ranziger Büro-Bude, einer wunderbar skurrilen und abgewohnten Kulisse, über die man ein Stockwerk höher Menschen wandeln sieht. Danny Rose wohnt im (Karriere-)Keller, wird ihn wohl auch nicht verlassen. Aber was soll’s? Wenn man Thanksgiving feiern kann im Kreis seiner Lieben und ebenso Erfolglosen, dann ist das doch schon einiges. Auch wenn das Truthahn-Menü aus der Tiefkühltruhe kommt und man, wie einer der Gäste sich erinnert, „man den Mais erst warmlutschen musste“. Aber manchmal ist ein muffiges Kellerbüro lebenswerter als eine glitzernde Showtreppe.

SR online, Saartext, Oliver Sandmeyer, 17.1.2023

New York. Danny Rose ist erfolgloser

Broadway-Agent. Für seinen vielverspre-

chenden Klienten Lou soll er dessen Ge-

liebte zu einer Show bringen. Da sind

Probleme schon programmiert.

Schachermaiers Inszenierung verzichtet

auf jegliche Metaebenen, ist Unterhal-

tung pur. Mit herrlichem Quatsch, Glit-

zer und Knarren wirft "Danny Rose" das

Publikum in das Showbiz der 80er Jahre.

In der Hauptrolle glänzt Widra als ge-

triebener Danny und es macht riesigen

Spaß ihm beim kontinuierlichen Schei-

tern zuzusehen. Dazu swingt und jazzt

die Band mit unglaublicher Chuzpe.