Moby Dick

Michael Schachermaier nach Herman Melville

Theater der Jugend / Theater im Zentrum

Premiere 26.4.2023

Regie: Michael Schachermaier

Ausstattung: Regina Rösing

Musik: Mary Broadcast

Dramaturgie: Sebastian von Lagiewski

Mit: Jonas Graber, Wolfgang Seidenberg, Mathias Kopetzki, Lukas David Schmidt, Frank Engelhardt, Uwe Achilles

Wiener Zeitung, 26.4.2023

Am Ende gewinnt der Wal!

Wer Herman Melvilles "Moby Dick" fürs Theater inszeniert, steht vor einem im wahrsten Sinn des Wortes schwergewichtigen Problem: Wie bringt man eine Geschichte über einen Wal auf die Bühne, wenn man keinen Wal zeigen kann? Insbesondere Michael Schachermaiers aktuelle Inszenierung für das Theater der Jugend macht allerdings deutlich: Es geht eigentlich in erster Linie gar nicht so sehr um den weißen Wal, von dem Kapitän Ahab so besessen ist, dass ihn sein Hass ins Verderben führt, sondern es geht darum, wie ein halbes Dutzend Männer darauf wartet, auf den weißen Wal zu treffen. Und darum, was sich zwischen diesen sechs Männern abspielt.

Und damit steht, wer das Stück für Kinder beziehungsweise Jugendliche inszeniert, vor dem nächsten Problem: Melvilles Romanvorlage ist per se schon zäh wie das Fleisch von der Flukenspitze, das Ahab nach jeder erfolgreichen Waljagd serviert wird, und so bitter wie Lebertran. Also im Grunde sehr schwere Kost. Regisseur Schachermaier, Dramaturg Sebastian von Lagiewski und ihr Ensemble verdienen deshalb besondere Hochachtung für das, was sie aus der Geschichte herausholen. In einer sehr naturalistischen und düsteren Darstellung in einer liebevoll gestalteten, detailreichen Schiffskulisse (Ausstattung: Regina Rösing) machen sie das raue und brutale Leben der Walfänger auf hoher See höchst anschaulich.

Zartes Seelchen auf rauer See

Zwischen dem rachsüchtigen Despoten Ahab (Mathias Kopetzki), der Gott spielt an Bord seines Schiffes, und dem furchterregenden und doch sanften Riesen Quiqueg (Wolfgang Seidenberg) findet sich das zarte Seelchen Ismael (Jonas Graber) zwischen einer Mannschaft (Frank Engelhardt, Uwe Achilles, Lukas David Schmidt) wieder, die mit der Landratte nicht eben zimperlich umgeht.

Mary Broadcast sorgt im Hintergrund für den passenden Soundtrack, wenn der Sturmwind die Segel zerzaust, die Gischt über die Reling peitscht und der Mast bricht - und wenn die Besatzung aufbegehrt gegen ihren Kapitän, der seine persönliche Rache über alles andere stellt und sie alle mit in den Untergang reißt. Ja, auch im Theater der Jugend geht "Moby Dick" nicht gut aus für Ahab, und am Ende gewinnt der Wal. Das mag im Jahr 2023, wo wir uns um die Bestände der Meeressäuger große Sorgen machen müssen, manche sogar freuen. Trotzdem leidet man mit Ismael und der untergehenden Mannschaft der "Pequod" mit.

Renate Wagner, 26.4.2023

Online Merker - Call me Ishmael

„Call me Ishmael“ – Nennt mich Ismael, ist einer der berühmtesten Anfangssätze der Weltliteratur, und das Buch, das folgt, kann sich auch hoher Popularität erfreuen: „Moby Dick“ von Herman Melville aus dem Jahre 1850, Abenteuergeschichte, fesselnde Charakterporträts, vor allem aber ein elementares Gleichnis – ebenso für menschliche Paranoia wie für die ewige Auseinandersetzung Mensch und Natur, ein Kampf, der (wie wir gerade heute wieder wissen) stets von neuem ausgetragen wird.

Wer den Roman nicht kennt, hat wahrscheinlich irgendwann einmal John Hustons kongeniale Verfilmung von 1956 mit Gregory Peck als Kapitän Ahab gesehen, immerhin ein Klassiker der Filmgeschichte. Darum erschien es etwas fraglich, wie man dieses Werk – zumal vieler Action-Szenen wegen – auf die Bühne bringen könnte. Nun Michael Schachermaier, der schon manch einen Romanklassiker dramatisiert hat, ist das wieder einmal eindrucksvoll gelungen, gleicherweise dramaturgisch wie inszenatorisch.

Zuerst hat der die personenreiche Geschichte geschickt zusammen gestrichen, sonst käme er nicht mit sechs Schauspielern (von denen einige mehrere Rollen übernehmen) und einer nicht unbedingt nötigen Live-Sängerin aus. Indem die Handlung gerade an Ismael entlang erzählt wird, behält sie immer ihre Übersichtlichkeit, wenn auch im zweiten Teil dann Ahab und sein Wahn, den Weißen Wal töten zu müssen (ein Racheakt, den er auf die Ebene des elementaren Kampfes von Gut gegen Böse erheben will) in den Mittelpunkt rückt.

Von der großen Besatzung der „Pequod“ treten nur der charakterstarke erste Steuermann, Starbuck und der exotische, geheimnisvolle Harpunier Quiqueg in den Vordergrund, Stubb und Flask stehen für den Rest der von Ahab bis zum letzten geschundenen Besatzung. So kann die Geschichte in der ebenso praktischen wie stimmigen Ausstattung von Regina Rösing in zwei Stunden schnell und dramatisch voran getrieben werden, die Brutalität des Walfangs vermitteln (ohne besonders zu moralisieren) und den Wahn eines Einzelnen, der rücksichtslos alle mit sich reißt, ausreichend charakterisieren. Schöne Details des Buches (etwa dass Ismael, der einzige Überlebende, auf dem Sargdeckel gerettet wird, den Quiqueg für sich herstellen ließ) fallen dabei natürlich aus, aber man bekommt einen sehr guten, keinesfalls oberflächlichen Abriß des Romans geboten.

Und Michael Schachermaier als Regisseur ist mit meisterhafter Logistik dabei, auf der Bühne des Theaters im Zentrum tatsächlich die Atmosphäre des Schiffes zu beschwören, die Dramatik von Jagd, Kampf und schließlich Untergang auch mit Hilfe von Geräusche-Dramaturgie, Musik und Licht dicht zu vermitteln.

Wunderbar Jonas Graber als der junge Ismael, einer, der als Unschuldslamm antritt und am Ende die Hölle erlebt hat, und das in ganz schlichter Attitüde.

Mathias Kopetzki wäre von der Optik her eher ein Fürst Dracula, aber er gibt Ahab die richtige Härte und Besessenheit. Sehr stark ist Frank Engelhardt als Starbuck, der mit Zivilcourage viel riskiert, als er sich Ahab entgegen stellt, und der Quiqueg des Wolfgang Seidenberg ist zwar nicht wirklich dämonisch, aber sehr ergreifend, als er sein Schicksal offenbart. Uwe Achilles und Lukas David Schmidt ergänzen kongenial, Mary Broadcast singt zur Gitarre.

Selbst die von Videospielen abgebrühtesten Schüler ab 11 Jahren, die hier angesprochen werden, müssen von der Live-Dramatik des Abends hingerissen sein. Bei der Premiere waren sie es jedenfalls.


Alle Fotos von Rita Newman