Das kalte Herz

Uraufführung von Michael Schachermaier nach Wilhelm Hauff mit der Musik der Tiger Lillies

Theater Freiburg

Premiere 25.10.2020 / Spielbetrieb danach Pandemie-bedingt eingstellt, Wiederaufnahme ab 15.10.2021

Regie: Michael Schachermaier

Musikalische Leitung: Johannes Knapp und Nikolaus Reinke

Bühne: Volker Hintermeier

Kostüme: Su Bühler

Arrangements: Otto Beatus

Choreografie: Graham Smith

Dramaturgie: Rüdiger Bering und Tamina Theiss

Live Band: Exil 46

Mit: Thiess Brammer, Henry Meyer, Inga Schäfer, Tim Al-Windawe, Gioia Osthoff, Martin Müller Reisinger, Michael Schmitter, Anja Schweitzer u.a.

Abgespielt, Derniere am 10.3.2022

Peter Munk: Gib mir mein Herz zurück!
Holländer-Michl: Das klingt wie der Titel eines schlechten Liedes! Das kann ich nicht. Dein Herz ist da, wo’s immer war. Ich hab dir nur ein wenig auf den rechten Weg geholfen. Du bist der, der du immer warst, nur mit Entschlossenheit, und Selbstvertrauen.
— Uraufführung Das kalte Herz

Der Köhler Peter Munk ist verzweifelt: Als wenn es noch nicht genug wäre, Nacht für Nacht mutterseelenallein im düsteren Schwarzwald an einem Meiler sitzen und darum bangen zu müssen, dass ihm Wind und Regen nicht die Kohlen verderben. Nein, jetzt hat ihm auch noch der Glasmacher Schlurkinger eine Abfuhr erteilt. – Er bezieht seine Kohlen nun lieber direkt in großen Mengen vom Bergwerk im Nachbarort… Jetzt wird Peter nicht mehr nur wegen seines geringen Standes verhöhnt, sondern hat noch nicht einmal mehr einen Kreuzer in der Tasche um zum Tanz zu gehen. Dabei würde er die Lisbeth doch so gern wiedersehen. In seiner Verzweiflung wendet er sich an die Waldgeister und schließt einen verhängnisvollen Pakt: Sein warmes Herz für Geld und Ansehen. Sein sozialer Aufstieg geht rasant voran, doch der Preis dafür ist hoch ...

Die Musik zu dieser Inszenierung von Wilhelm Hauffs berühmten Schwarzwaldmärchen wurde eigens von Martyn Jaques, dem Frontmann der britischen Kultband THE TIGER LILLIES komponiert. Für die Bühne arrangiert von Otto Beatus werden die Songs live interpretiert von Mitgliedern des Schauspiel- und Opernensembles und der Freiburger Band EXIL 46! Inszeniert wird DAS KALTE HERZ als eine wilde, schwarzwälderische und herz(zurück)erobernde Show zwischen Musiktheater, Schauspiel, Musical und Märchenadaption.

Hier geht es zum Trailer der Produktion Alle Fotos von Rainer Muranyi

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Badische Zeitung

Wilhelm Hauffs “Das kalte Herz” – bildmächtig am Theater Freiburg
Von Marion Klötzer
Mo, 26. Oktober 2020

Das Kunstmärchen “Das kalte Herz” nach Wilhelm Hauff ist jetzt im Großen Haus des Theaters Freiburg bildmächtig zu erleben. Mit Traumszenen und Fantasien. Als prallbuntes Spiel.

Selbstoptimierung bis zum Gefühls-Zombie, Ausbeutung und Zerstörung von Natur und Mitmenschen – und das alles unter dem kapitalistischen Credo von Leistung und Erfolg: Wilhelm Hauffs 1827 erstmals veröffentlichtes Kunstmärchen “Das kalte Herz” ist auch eine Geschichte über Strukturwandel und Industrialisierung samt ihren Chancen und Gefahren. Das könnte absehbar moralisch werden, doch Hauff verpackt seinen Stoff als fiktive Reiseliteratur und schreibt eine Glücks-Odyssee mit schillerndem Anti-Helden, Zauberei und dringlicher Frage: Wozu nützt eigentlich dieses dumme Herz mit all seinen widersprüchlichen Gefühlen, Ängsten und Sorgen? Wäre das Leben ohne nicht viel besser?

Ein toller Stoff also für junge Leute, deren heißes Herz oft so wenig weltkompatibel scheint. Jetzt feierte die Uraufführung des gleichnamigen Musiktheaters unter der Regie von Michael Schachermaier (Bühnenfassung für das Theater Hof von Reinhardt Frieseoch) im Großen Haus des Theaters rauschende Premiere – soweit einige verstreute Zuschauer mit Mundschutz ihre Begeisterung rauschen lassen können...

Mit richtig cooler Musik

Doch Corona ist schnell vergessen: Eindrücklich und berührend – diese Inszenierung ist ein bildmächtiges Geschenk in kargen Zeiten, das man sich nicht entgehen lassen sollte! Zumal das 2014 gegründete Streicher-Drummer-Quartett Exil46 (Friederike Hess-Gagnon, Tilmann Collmer, Dina Fortuna-Bollon, Timo Stegmüller) vom Dach der urigen Schwarzwaldkneipe “Altes Erz” richtig coole Musik dazu macht.

Denn nach Prolog und Anwärmphase stimmt hier alles, wird man eingesaugt in eine Zauberwelt voller Geheimnisse und Versprechen: Die eigens geschriebenen Songs von Martyn Jacques, dem Frontmann der britischen Kultband Tiger Lillies (Arrangements: Otto Beatus), passen in ihrem schrägen Jahrmarktstil bestens zum fantastischen Bühnenbild von Volker Hintermeier, der eine geradezu magische Kulisse für die Drehbühne entworfen hat: hier das Wirtshaus mit viel Holz und roter Lichterkette, drum herum ein gespenstischer Tentakel-Krallen-Wald aus riesigen, verkohlten Ästen, der nach und nach zum eisernen Labyrinth mutiert. Mit Gazevorhängen und extremer Licht- und Schattenführung (Mario Bubic) wird daraus ein bewegtes Tableau aus Traumszenen in Schwarz, Rot und Weiß. Denn Grün gibt es in dieser Welt fern der Sonne kaum: Es findet sich nur in den klassisch-märchenhaften Kostümen von Su Bühler, die dem Glasmännchen eine Koboldmütze aufsetzt und den Holländer-Michel in schwarzen Frackmantel mit Zylinder steckt. Ein prallbuntes Spiel mit Klischees und Fantasien, in dem Figuren Allegorien sind und der Wald die mächtige, aber schon verletzte Kulisse gibt.

Mittendrin der arme Köhlersohn Peter Munk (vom Schüchterling zum Großkotz, ein großartiger Verwandler: Thieß Brammer), der ganz allein an seinem Meiler sitzt: rußgeschwärzt, Dreck für die Dorfbewohner. Ein Hungerleider ohne Perspektive in dieser neuen, aufregenden Zeit, da irgendwo Schiffe groß wie Kathedralen aus Schwarzwald-Bäumen gebaut werden. Denn während die Glasbläser und Holzfäller gute Geschäfte machen, stirbt Peters Zunft gerade aus. Dabei will er doch nur tanzen mit Lisbeth (tolle Stimme, tolles Spiel: Gioia Osthoff), auch wenn sie die Tochter vom reichen Schlurkinger ist (Martin Müller-Reisinger). Doch ohne Geld und saubere Hose hat Peter gegen Traum-Schwiegersohn Jakob (ein Musical-Star: Tim Al-Windawe) keine Chance.

Aus dem Gedemütigten wird ein Gewinner

”The Grass is always greener on the other Side”, kommentiert der Chor ironisch (musikalische Leitung: Johannes Knapp, Nikolaus Renke). Das wird wie alle der mal rauen, mal bittersüßen, mal etwas lapidaren und dann wieder sehr intensiven Songs von Martyn Jacques mittels Bühnen-Projektionen übertitelt, da wünscht man sich öfter mal deutsche Texte, zumal das Englisch einiger Spieler ziemlich grottig klingt. Jedenfalls geht Munk auf Anraten der Mutter (Anja Schweitzer) zum Glasmännlein (Inga Schäfer, Gänsehaut-Mezzosopran) und wünscht sich törichtes Zeug, weswegen er auch scheitert und geradewegs dem Holländer-Michel (auch Wirt und Priester: Henry Meyer) in die Krallen stolpert. Und schwups wird aus dem Gedemütigten ein Gewinner – allerdings mit einem Herz aus Stein in einer leeren Welt. Ob da dann auch noch ein Happy End drin ist?
— Badische Zeitung, Marion Klötzer, 26.10.2020